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Prof. Dr. Herbert Dellwing
Katalog: „Karl-Heinz Bogner: Objekte, Zeichnungen, Skizzen / Objects, Drawings, Sketches“
Kunstverein Speyer, 2007

Karl-Heinz Bogners Kunst gehört zum Eigenständigsten, was einem in der Kunstproduktion seiner Generation begegnet und hat ihm Ausstellungserfolge von Paris bis Berlin eingebracht. Der Künstler ist ausgebildeter und diplomierter Architekt, hat aber nie ein Haus oder andere Bauten realisiert. In seinem künstlerischen Schaffen bezieht er sich auf Architektur, versteht sie als Ausdrucks-träger, benutzt ihr Formenvokabular und konzentriert sich bei seinen Arbeiten auf Flächen und Linien, mit denen er Zeichnungen und Objekte erarbeitet. Bogner geht dabei nicht von der Geometrie aus, sondern von der persönlichen Erfahrung mit Architektur und ihrem raumbildenden und kritischen Potential. Es geht ihm in seinen Kunst- werken nicht um die Darstellung von Architektur oder um Entwürfe für sie. Er bricht das starre System errechneter und ingenieurmäßig konstruierter Architektur auf und verlässt ihre geschlossenen Räume, um jenseits ihrer Grenzen neue Räume zu entdecken. Bogners Kunst zeigt ein vitales Interesse an den Dimensionen des Raumes, die nicht messbar, aber seinem Empfinden und Denken zugänglich sind und denen er sich nicht verweigern kann. Raum wird von ihm als Metapher des Denkens begriffen.

Bogner hält der realen Architektur keinen Spiegel vor; er nutzt die Gebärden der architektonischen Formen, um seine Emotionen und Erlebnisse auszudrücken. Seine sperrigen und spröden, durch ein konstruktives Geflecht von Richtungskräften bestimmten Arbeiten sind Reflexionen und Abstraktionen der erlebten Wirklichkeit. Sie sind das Resultat seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit Architektur, die das psychologische Moment der Entfremdung hervorkehrt und Raum als Projektion der Innenwelt versteht. In der künstlerischen Umsetzung werden die gebauten Vor-Bilder zu dem, was sie niemals waren und niemals sein werden.

Als Anregungen und Vorstufen seiner Arbeiten dienen ihm Fotos und Zeichnungen, die er von ausgedehnten Stadterkundungen mitbringt. Seine Befindlichkeit erwächst aus seinen Streifzügen durch Stadt- und Industrielandschaften, aus dem unmittelbaren Erlebnis von Produktions- und Wohnanlagen sowie ihren Verbindungselementen in den Zentren und in den Randbereichen der Städte.

Der erfahrungshungrige Künstler sammelt Eindrücke und Erlebnisse, die durch die architektonische Gegenstandswelt geprägt sind. Er führt stets ein Notizbuch mit sich, in das er Architekturmotive skizziert, sei es bei seinen Fahrten mit der Bahn oder bei seinen Exkursionen zu Fuß. Er interessiert sich nicht für vollendete Bauwerke und touristische Highlights, sondern speziell für solche, die sich im Prozess des Werdens oder Vergehens befinden, für Bauten, die im Gerüst stehen, für Stützkonstruktionen, verbarrikadierte Fenster- und Türöffnungen, offene Dachkonstruktionen etc. Bei der Spurensuche seiner architektonischen Vor-Bilder wählt er häufig nur ein Detail aus, ein Fragment, das im Kunstwerk dann eigenständig erscheint. Die Motive verlieren so ihre Eindeutigkeit zu Gunsten einer offenen Deutbarkeit, darin besteht ihr assoziativer Reiz. Er wählt den Ausschnitt und transformiert das Material in seine künstlerische Sprache, die von der substanziellen Kraft des Schwarz dominiert wird, das die Hauptperson seiner Werke ist. Indem die natürliche Farbigkeit ersetzt und das Licht absorbiert wird, erhalten Bogners Arbeiten etwas Immaterielles, wird das Individuelle ins Allgemeine überführt, entsteht Raum für Fragen nach Sein und Schein. Mit der Farbe Schwarz rekurriert er auf vielfach verloren gegangene Qualitäten, auf Stille und Innerlichkeit als Grundlagen von emotionalen Erfahrungen und Bedürfnissen. Wie der Verzicht auf Buntfarbigkeit ist auch sein poveres Material Programm und inhaltlich besetzt: Seine aus Holz und Karton gebauten zerbrechlichen, vielfach boden- und ortlosen Architekturobjekte konterkarieren das allgemeine Verständnis von Architektur. Seine kleinformatigen Arbeiten sind nicht geplant und entworfen, sondern erhalten ihre Form im Entstehungsprozess aus sich selbst. Dabei kommt es häufiger vor, dass bei der Entstehung der Objekte auftretende Formprobleme durch zwischengeschaltete Skizzen gelöst werden.

Es bleibt unklar, ob sich Bogners gezeichnete oder als Objekt realisierte Konstruktionen im Bau befinden oder im Verfall. Sie spiegeln so oder so Grenzsituationen, die den Künstler ebenso faszinieren, wie sie ihn bedrücken. Die hohe ästhetische Eleganz seiner Werke zeigt eine destabilisierte Architektur als Hinweis auf die Unsicherheit auch vermeintlich sicherer Dinge. Bogner ist Ästhetiker und Erschütterter zugleich.

Bogners Architekturen sind rätselhafte Zwitterräume zwischen innen und außen, die formal Bauwerk, Landschaft und Topografie subsumieren. Seine tischartig aufgestellten „Plattformen“ verdeutlichen dies besonders anschaulich. „Plattformen“ werden die im Meeresgrund verankerten Bohrinseln genannt, von deren Ölförderung so vieles abhängt, meerumtoste technische Konstruktionen, die faszinieren und Angst machen. Bogners „Plattformen“ zeigen bedrohliche Raumquetschungen und Plattenverschiebungen, eine aus dem Gleichgewicht geratene labyrinthisch-zersplitterte Architektur, die ein albtraumähnliches Gefühl auslöst, vergleichbar Piranesis Carceri-Darstellungen und wie bei diesen von symbolischem Gehalt. Das Unheimliche ist, dass dieselben Zeichen, die anderswo für Aufbau und Sicherheit stehen, bei Bogner auf deren Apokalyptik deuten. Er weiß, dass der bröckelnde Boden, den wir unter den Füßen haben, nicht einem Ort, sondern der Welt gehört.

Den schnellen Lohn des Wiedererkennens verweigern Bogners Arbeiten, und gerade darin gründet ihre Magie. In seinen Abstraktionen verwandelt Bogner Architektur in bildhafte Gleichnisse. Seine ambivalenten Werke sind ein Plädoyer für eine Kunst, deren psychologische und damit auch anthropologische sowie kathartische Funktion und Bedeutung es individuell zu entdecken gibt. Bogner legt sich nicht fest und fördert die Assoziationsmöglichkeiten. Er selbst betrachtet seine Konstruktionen als Rückzugs- und Schutzräume, in denen sowohl die Urhütte als auch das Unbehauste und Gefährdete der menschlichen Existenz angesprochen wird. Besonders in seinen fragilen „Hochsitzen“ und „Eremitagen“ wird dies thematisiert. Der Hochsitz ist „stiller Schutzraum in sicherer Höhe, Rückzugsort und Aussichtspunkt in einem, aber auch als eine Baracke auf Stelzen Ausdruck des Ungewöhnlichen, Vergänglichen und höchst Anfälligen“ (Günter Baumann, 2003). Auch Bogners „Eremitagen“ sind keine wetterdichten Behausungen, sie erinnern vielmehr an zugige Käfige, die auf abschüssige Sockel postiert sind. Wie wichtig dem Künstler die schrägen Sockel seiner „Eremitagen“ sind, zeigen seine Skizzen, in denen er um ihre Form ringt. Im Gegensatz zum getreppten Sockel, den er verwirft, ist der für alle „Eremitagen“ gleiche schräge Sockel ein Bedeutungsträger ersten Ranges, der nicht auf das gesicherte wohlständige Wohnhaus am Hang, sondern auf Gefährdung, Unerreichbarkeit und Vergeblichkeit hinweist.

Die transparenten Strukturen der „Eremitagen“ mit ihrer raumauflösenden Wirkung unterstreichen dies. Bei den „Eremitagen“ wie bei den „Hochsitzen“ wird einem zudem bewusst, dass die vom Künstler gebrauchte Farbe Schwarz die Farbe der Trauer ist.

In ihrer labilen Konstruktion sind Bogners Arbeiten Zeichen, die das Stabile, Solide, Dauerhafte in Frage stellen. Seine Skepsis gegenüber diesen herkömmlichen Werten, in denen das „Mängelwesen Mensch“ (Herder) Trost sucht, zeigt er mit Architektur im Zustand der Verlassenheit und Leere. Seine Architekturen sind grundsätzlich menschenleer. Er verweist damit auf die andere Seite der vom Menschen konstruierten Architektur, auf ihr hintergründiges Wesen, womit seine Arbeiten eine zeitkritische Dimension besitzen.

Bogner arbeitet bevorzugt in Serien. Die Variation gleicher Grundformen verdeutlicht, dass es ihm nicht um das einzelne Werk geht, sondern um das ihnen Gemeinsame. Das einzelne Werk weist über sich hinaus, entwickelt sich aus dem vorhergehenden und deutet auf das nächste voraus. Die Veränderungen stehen im Dienst der Realisierung ständiger Metamorphosen. Jede Variation ist gestaltkonstituierend und steht für die ständige Veränderung des (Lebens-) Raumes und der Dingwelt, für die dauernde Permutation des Raumes. Bogners Raumkonzeption ist eine transitorische. Dahinter steht die für den Künstler dringliche Frage, wie es weitergeht. Die vom Künstler in den Ausstellungen selbst vorgenommene szenische Zuordnung der Arbeiten weist in die gleiche Richtung.

Keine Arbeit ist isoliert, stets sieht man Verbindungen mit einer oder mehreren anderen. In den Nachbarschaften und Beziehungen der Werke untereinander reagieren sie auf Situationen und machen deren Zusammenhänge erlebbar. Seine Arbeiten sind referentielle Werke, die in wechselnder Ausformung den Dialog mit dem Umraum suchen; sie sind formgewordener Dialog mit dem Raum als Medium, in dem sich Erfahrung und Erlebnis manifestieren. Die Werke antworten einander, ergänzen sich, bilden Kontraste und Zusammenhänge, Gemeinsames und Individuelles.

Der grafische Charakter von Bogners Werken reduziert ebenso wie die monochrome Oberfläche die Körperlich-keit auf Linien und Flächen, eine Art Schattenschrift, die besonders in den Gitterstrukturen zur Wirkung kommt. In ihnen sind unterschiedliche Perspektiven vereinigt, Ein- und Aussichten, die einen komplexen, aus mehreren Teilräumen bestehenden Raum ergeben, intim und grenzenlos zugleich.

Zwischen Zeichnungen und Objekten bestehen essentielle übereinstimmungen. Bogner verbindet die Architektur mit den medialen Eigenschaften der Zeichnung, bei der die Linie den Raum ertastet. Die Objekte verzichten auf körperliche Präsenz und können als dreidimensionale Zeichnungen aufgefasst werden. Allen Arbeiten ist die offene Struktur gemeinsam, sie zeigen keine umschlosse-nen Räume, die man bewohnen könnte, sondern zumeist durchsichtige Raumgerüste, konstruktive Gefüge, die den Raum in unterschiedlichen Rhythmen markieren und seine Wahrnehmung als sequentielles Ereignis wechselnder Zustände prägen. Er verbindet statisch Konstruktives mit rhythmisch Bewegtem, um den Raum nicht nur zu vermessen, sondern zu durchdringen.

Raum ist für Bogner Frei-Raum, eine erlebnisorientierte Größe, die das Leben als ausgemacht Zukünftiges ermöglicht und seine Kunst vor System und Erstarrung bewahrt. Ausschnitte und Anschnitte verstärken die offene Wirkung. In der kürzelartigen Verdichtung entstehen aus den abstrakten Formulierungen Prototypen für die Entwicklung eines Themas unter verschiedenen Gesichtspunkten, wie es der Künstler in der Serie handhabt.

Künstler und Werk, das ist die Antithese von Subjekt und Objekt, die das Verhältnis von Mensch und Ding klären will. Bogners Arbeiten sind auch unter diesem Aspekt Chiffren der Existenz und erweisen ihn als interpretierenden Chronisten, als sensiblen und unaufdringlichen Aufklärer über Zusammenhänge und Wechselbeziehungen, Fakten und Folgen menschlichen Handelns in unserer Zeit. Von seinen Werken, die keine Handlungsräume und keine Tatorte sind, verabschiedet man sich beunruhigter denn je.

 

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